Gehörlos, aber nicht rechtlos – Die Rechtsberatung des Gehörlosenbundes
Diskriminierung aufgrund von Gehörlosigkeit – Alltag für viele Betroffene, aber auch für Manuela Vadlja und Shirin Fallahpour. Die beiden Frauen führen gemeinsam die Rechtsberatung des Schweizerischen Gehörlosenbundes SGB-FSS und erzählen im Gespräch von ihrer täglichen Arbeit.

Zwischen Bürokratie und Barrieren
Manuela Vadlja und Shirin Fallahpour erleben täglich, wie gehörlose Menschen gegen Diskriminierung kämpfen müssen – etwa in der Schule, am Arbeitsplatz oder bei Behörden. Ihre Aufgabe ist es, Barrieren abzubauen und Betroffenen den Zugang zu ihren rechtlichen Ansprüchen zu ermöglichen.
«Jeder Fall ist anders», erklärt Manuela Vadlja. «Manchmal geht es um fehlende Dolmetscher, manchmal um abgelehnte Hilfsmittel – und oft um grundlegendes Unverständnis für die Bedürfnisse gehörloser Menschen.» Gemeinsam analysieren die beiden Expertinnen jeden Fall individuell, beraten die Betroffenen und setzen sich für Lösungen ein.
Vom Sensibilisierungsschreiben bis vor Gericht
Die Rechtsberatung des Gehörlosenbundes greift auf unterschiedliche Mittel zurück, um Betroffenen zu helfen. Oft reicht ein klärendes Schreiben, um auf die Rechte gehörloser Menschen aufmerksam zu machen und Lösungen zu finden.
Doch nicht immer lassen sich Konflikte so schnell aus der Welt schaffen. «Ein typischer Fall ist, wenn die Invalidenversicherung (IV) ein Gesuch für ein Hilfsmittel ablehnt. Wir prüfen dann die rechtlichen Grundlagen und legen Einspruch ein. Wenn nötig, begleiten wir die Betroffenen durch alle Instanzen – manchmal bis vor Bundesgericht.»
Auch bei Konflikten mit Spitälern oder in Schulen greift das Team ein. Shirin Fallahpour erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Spital einem Patienten die Mitnahme eines Dolmetschers verweigerte: «Das Spital berief sich auf interne Richtlinien, die keine Dolmetscher vorsahen. Wir haben die rechtlichen Grundlagen aufgezeigt und deutlich gemacht, dass Barrierefreiheit kein optionaler Service ist.»
Es ist wichtig, solche Fälle öffentlich zu machen. Nicht nur, damit die Betroffenen wissen, dass sie nicht allein sind, sondern auch, um politisch etwas zu bewegen.
Shirin Fallahpour
Hohe Dunkelziffer
Viele Diskriminierungsfälle werden jedoch nie gemeldet. Häufig haben die Betroffenen Angst vor negativen Konsequenzen oder wissen nicht, dass sie ein Recht auf Unterstützung haben. Besonders im Arbeitsumfeld führen fehlende Dolmetscher oder mangelnde Kommunikation oft zu Isolation und psychischem Stress. «Solche Situationen sind leider keine Seltenheit und führen nicht nur zu beruflicher Benachteiligung, sondern auch zu grossem emotionalem Druck.»
Der Diskriminierungsbericht schafft Sichtbarkeit
Um diese Probleme sichtbar zu machen, veröffentlicht der Schweizerische Gehörlosenbund jährlich einen Diskriminierungsbericht. Darin werden die gemeldeten Fälle dokumentiert und analysiert, um aufzuzeigen, wo die grössten Herausforderungen liegen.
Einzigartig in der Schweiz
Die Rechtsberatung des Gehörlosenbundes ist die einzige spezialisierte Anlaufstelle für rechtliche Fragen rund um Gehörlosigkeit in der Schweiz. Neben der direkten Unterstützung leistet das Team auch wichtige Aufklärungsarbeit. «Wir versuchen, Menschen zu ermutigen, ihre Rechte einzufordern», erklärt Manuela Vadlja und Shirin Fallahpour nickt zustimmend. Denn viele Betroffenen wüssten gar nicht, dass sie ein Anrecht auf Unterstützung haben. «Es ist unsere Aufgabe, sie zu informieren und ihnen Mut zu machen.»
Und ihre Arbeit scheint zu wirken: Die Fallzahlen im Diskriminierungsbericht haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Das, so die beiden, hat sowohl eine positive als auch eine negative Seite. Das Positive: «Immer mehr Menschen melden sich bei uns. Das ist ein gutes Zeichen – es zeigt, dass unser Angebot bekannt wird und die Menschen Vertrauen in unsere Arbeit haben. Weniger erfreulich ist, dass es unseren Rechtsdienst überhaupt braucht.»
Vielen Dank für Ihre wertvolle Unterstützung!
Dank Ihrer Spende können wir uns jedes Jahr in über 100 Fällen dafür einsetzen, dass die Rechte gehörloser Menschen gehört, geachtet und durchgesetzt werden.
Hintergrund: Der Diskriminierungsbericht 2025
Der aktuelle Bericht des Schweizerischen Gehörlosenbundes zeigt: Diskriminierung gehört für gehörlose und schwerhörige Menschen in der Schweiz weiterhin zum Alltag. Die anonymisierten Fälle dokumentieren, wie Betroffene in Bereichen wie Arbeit, Bildung, Gesundheit und Kultur auf erhebliche Barrieren stossen.
So wurden Bewerber aufgrund ihrer Gehörlosigkeit abgelehnt, Prüfungen ohne angemessene Nachteilsausgleiche durchgeführt oder notwendige Dolmetschleistungen im Gesundheitswesen verweigert. Auch im Umgang mit Behörden und bei der Nutzung öffentlicher Dienstleistungen fehlt es häufig an barrierefreien Angeboten.
Diese Beispiele machen deutlich, dass Bund, Kantone und Gemeinden mehr tun müssen, um die Vorgaben der UNO-Behindertenrechtskonvention und der Bundesverfassung umzusetzen. Der Gehörlosenbund fordert daher konkrete Massnahmen, um Zugangsbarrieren abzubauen und die Schweizer Gebärdensprachen sowie die Rechte gehörloser Menschen zu stärken.
Den kompletten Diskriminierungsbericht inklusive konkreter Fälle finden Sie unter https://www.sgb-fss.ch/de/rechtsberatung/.

Der Rechtsdienst des Schweizerischen Gehörlosenbundes
Der Rechtsdienst des Schweizerischen Gehörlosenbundes setzt sich seit 2015 unermüdlich für die Rechte von gehörlosen und hörbehinderten Menschen ein. Mit juristischer Expertise und Engagement unterstützt das Team Betroffene in Fällen von Diskriminierung und Rechtsverletzungen.
Meilensteine
2015: Gründung des Rechtsdienstes mit einem Teilzeit Juristen. Bereits im ersten Jahr wurden zahlreiche Fälle bearbeitet – schnell wurde klar, dass der Bedarf die Kapazitäten übersteigt.
2017: Bearbeitung von 52 Fällen. Aufgrund der steigenden Nachfrage wurde das Team auf zwei Juristen erweitert.
2025: Der Rechtsdienst feiert sein 10-jähriges Bestehen. Seit der systematischen Erfassung der Diskriminierungsfälle im Jahr 2017 hat sich die Zahl der bearbeiteten Fälle um das 3-Fache gesteigert.
2026: Das Team wird durch eine Praktikantin verstärkt, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.
Publiziert am 16. März 2026