«Es braucht mehr Vertrauen in die Fähigkeiten gehörloser Menschen»
Im Interview spricht Heidi Georges-Zwahlen über ihre Erfahrungen als gehörlose Person, die Bedeutung der Gebärdensprache und den Zusammenhalt innerhalb der Gehörlosengemeinschaft. Sie erzählt von den Herausforderungen während ihrer Ausbildung, von ihrem Engagement für die Community und davon, was sich für gehörlose Menschen in der Schweiz noch verändern muss. Das Interview führte Marcos Denis für den Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB-FSS).
Gehörlosenbund: Herzlich willkommen zum Interview, in dem es um den Schweizerischen Gehörlosenbund und die Gehörlosengemeinschaft geht. Stell dich doch kurz vor.
Heidi: Ich bin Heidi und bin selbst gehörlos.
Gehörlosenbund: Welche Rolle spielt die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) in deinem Alltag und für deine Identität?
Heidi: In meiner Familie sind alle gehörlos. Auch meine Geschwister sind gehörlos. Deshalb habe ich von klein auf in meinem Alltag ganz automatisch die Gebärdensprache verwendet. Auch mit Freunden und bei sozialen Kontakten benutze ich die Gebärdensprache. Das ist sehr wertvoll für mich.
Gehörlosenbund: Wie hast du deine Schul- und Ausbildungszeit erlebt? Was lief gut, was war schwierig?
Heidi: Die Schulzeit in der Gehörlosenschule war wirklich eine schöne Zeit. Schwierig war es nicht. Jedoch war die Ausbildungszeit eine schwierige Zeit für mich.
Es gab einen grossen Kampf zwischen mir, dem Lehrplatz und der IV. Ich musste der IV immer wieder Beweise vorlegen. Den Lehrplatz und auch den Kontakt mit der Academy-Schule habe ich selbst organisiert. Sie haben mir eine Chance gegeben.
Aber die IV wollte alle drei Monate Kopien meiner Zeugnisse haben, um zu sehen, ob meine Leistungen in der Academy-Schule passen. Denn ich war nicht in einer Berufsschule für Gehörlose, sondern die kompletten drei Jahre mit Hörenden zusammen. In der Ausbildung, in den überbetrieblichen Kursen (ÜK), einfach bei allem.
Das war eine schwierige Zeit. Ich hätte mir gewünscht, dass mich die IV unterstützt, damit ich es leichter gehabt hätte.
Gehörlosenbund: Wie wichtig ist für dich die Gehörlosengemeinschaft und was gibt sie dir persönlich?
Heidi: In der Gehörlosengemeinschaft gibt es eine grosse Individualität – in der Sprache, im Ausdruck, in der Mimik, einfach in allem. Das gibt mir Inspiration und die Kommunikation ist viel einfacher für mich.
Es ist meine Welt, meine Sprache und meine Identität. Ich wünsche mir, dass das für immer so bleibt und die Gemeinschaft bestehen bleibt.
Gehörlosenbund: Was ist dein Wunsch für die Zukunft gehörloser Menschen hier in der Schweiz? Was soll sich in Bezug auf Politik, Bildung und Gesellschaft verändern?
Heidi: Das ist eine herausfordernde Frage. Im Moment sehe ich, dass sich die Entwicklung etwas öffnet und breiter wird. Aber es gibt immer noch Barrieren, die bestehen bleiben.
Zum Beispiel im Bereich der Bildung und der Berufswahl. Da gibt es immer noch Einschränkungen. Auch in der Politik gibt es noch keinen vollständigen Zugang. Es gibt immer noch Barrieren, aber es ist schon etwas besser geworden.
Im Bereich Bildung habe ich das Gefühl, dass die Zusammenarbeit zwischen Gehörlosen, der IV und den Hilfsorganisationen verbessert werden muss. Es braucht bessere Unterstützung und auch den Glauben daran, dass es gehörlose Menschen schaffen können.
In diesen drei Bereichen gibt es noch viele Herausforderungen und es muss sich etwas verändern. Da fehlt noch ein Teil.
Gehörlosenbund: Wie siehst du den Schweizerischen Gehörlosenbund (SGB-FSS) als Dachorganisation? Was ist dort wichtig?
Heidi: Dank dem SGB-FSS haben wir Zugang zu Bildung, politischen Bewegungen und noch vielen anderen Bereichen. Es gibt auch die Regionalpartner, die uns unterstützen, um Informationen weiterzuverbreiten.
Ohne den SGB-FSS wären wir noch im Mittelalter stehen geblieben.
Gehörlosenbund: Welchen Wunsch oder welche Botschaft möchtest du der Gehörlosengemeinschaft mitgeben?
Heidi: Ich möchte der Community einen Wunsch, also eine Botschaft mitgeben.
Wir Gehörlosenorganisationen bieten viele verschiedene Angebote im Gehörlosenwesen an und wir brauchen eure Mitarbeit. Ohne eure Mitarbeit können wir uns nicht weiterentwickeln.
Eure Mitarbeit bringt mehr als Worte.
Gehörlosenbund: Liebe Heidi, vielen Dank für den Austausch.
Heidi: Gerne, auch vielen Dank für die Einladung.

Publiziert am 15. Oktober 2026