Sprache

Ganz Ohr

Zu Besuch am Familien-Wochenende in Näfels

Ende Mai fand im Glarnerland ein Wochenende für Familien mit gehörlosen Kindern statt. Wir – zwei Mitarbeitende des Schweizerischen Gehörlosenbundes – haben den Anlass als «Teilnehmende» besucht und ihn aus der Perspektive der Eltern erlebt.

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Es ist warm an diesem sonnigen Samstagmorgen in Näfels, die Luft im Seminarraum steht: Rund 30 Mütter und Väter schauen dennoch gebannt auf die erste Referentin des Tages, Selina Lusser-Lutz. Die Kinder, vom Baby bis zum Teenager, werden währenddessen draussen am Schatten in Spielgruppen betreut.

Selina ist gehörlos und referiert in Gebärdensprache. Zwei Gebärdensprach-Dolmetscherinnen übersetzen abwechselnd. Die zweifache Mutter erzählt freimütig von ihrer eigenen Kindheit in einer hörenden Familie, von ihrer Schulzeit und von den Herausforderungen, mithilfe von Gebärdensprache und Ergänzter Lautsprache (ELS) – siehe Hintergrund – in der Welt der Hörenden zu bestehen.

Neben zahlreichen fachlichen Informationen berichtet sie viel aus ihrem oft herausfordernden Alltag. Einige Eltern sind sichtlich berührt, ein Paar hat Tränen in den Augen. Ein Vater fasst in der Pause zusammen: «Selina Lusser-Lutz ist ein grossartiges Vorbild. Sie macht uns Mut, dass unsere Tochter ihren Weg gehen wird – auch wenn es nicht immer leicht sein wird. Das schenkt uns viel Hoffnung.»

Gibt es den «richtigen» Weg?

Nach der ersten Pause sind alle pünklich zurück, obwohl es im Raum immer wärmer wird. Eine junge Mutter fragt nach dem «richtigen» Weg für ihr gehörloses Kleinkind. Im medizinischen Umfeld wurden nur Hörhilfen wie das Cochlea-Implantat thematisiert, nicht aber die Gebärdensprache.

Selina meint dazu, es gebe nicht DEN richtigen Weg, jede familiäre Situation müsse individuell betrachtet werden. Eines jedoch sei für alle gleich: «Die Gebärdensprache ist für ein gehörloses Kind die Basis für den Spracherwerb.» Dann erklärt sie: «Die Gebärdensprache steht von Anfang an intuitiv zur Verfügung. Eltern können sich so sehr früh mit ihrem Kind verständigen.» Einige Eltern, die gemeinsam mit ihren gehörlosen Kindern die Gebärdensprache lernen, pflichten ihr bei. Nach Ende des Referats – es ist schon Mittag – nutzen einige die Gelegenheit, noch weitere Fragen an Selina zu richten. Sie muss wohl noch eine Weile auf ihren Zmittag warten.

Vater nach dem Referat von
Selina Lusser-Lutz

Eine ungewohnt ruhige Gesellschaft

Zum Mittagessen treffen sich Eltern und Kinder im Speisesaal. Viele Paare besprechen miteinander ihre Eindrücke aus dem Referat. Was uns auffällt: Obwohl rund 60 Personen essen, hört man kaum Kindergeschrei – nur lautes Geschirrklappern. Am Tisch der Spielgruppen-Betreuer*innen, Organisator*innen und Referent*innen, alle gehörlos, ist es sehr ruhig – dafür wird umso lebendiger gebärdet.

Hören bedeutet nicht automatisch verstehen

Nach dem Mittag geht es mit dem Referat von Jasmin Groh und Dr. Oliver Rien weiter. Wir staunen: Wieder sind – fast – alle pünklich zurück. Jasmin ist Lehrerin an einer Zürcher Oberstufenschule mit gehörlosen und hörbehinderten Kindern. Sie selber ist hörend mit gehörlosen Eltern, ein CODA (Children of Deaf Adults). Oliver ist diplomierter Psychologe und arbeitet als selbständiger Coach für Menschen mit einer Hörbehinderung, er selber ist schwerhörig und trägt Hörgeräte.

Beide unterstreichen die zentrale Rolle der Gebärdensprache für die Entwicklung gehörloser und stark hörbehinderter Kinder. Und sie machen deutlich: Hören bleibt für gehörlose oder stark schwerhörige Menschen zeitlebens eine Anstrengung und ist nicht gleichzusetzen mit Verstehen. Hörhilfen übertragen zwar Töne, was aber nicht automatisch bedeutet, dass diese als Sprache erfasst und somit verstanden werden.

Oliver bringt eine kritische Beobachtung aus seiner langjährigen Tätigkeit mit hörbehinderten Menschen und aus eigener Erfahrung ein: Kinder mit Hörhilfen trauen sich oft nicht, zu sagen, dass sie etwas nicht verstanden haben – mit teils gravierenden Konsequenzen für ihren Schulerfolg. Sein Lösungsansatz: Empowerment statt Anpassung. Was heisst das? Gehörlose brauchen das Selbstvertrauen, nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Sie haben ein Anrecht, Hörende zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden.

Mal nicht hören müssen

«Vielen hörenden Menschen ist nicht bewusst, dass die Verwendung von Hörhilfen anstrengend ist, da Verstehen viel Konzentration erfordert», erzählt Oliver. Dann berichtet er von einer Schülerin, die ihre eigene Strategie entwickelte, um «Hörpausen» einzulegen: tägliches Baden. Ihre Eltern deuteten dies anfangs irrtümlich als Waschzwang, bis sie begriffen, dass die Tochter so die Hörhilfe abnehmen konnte, ohne sich Vorwürfe anhören zu müssen.

Beide Referenten raten den Eltern deshalb, sich in die Lebenswelt ihrer Kinder hineinzuversetzen und gezielt nachzufragen: Was brauchst du? Wann möchtest du eine Pause? Das Referat endet mit einem Plädoyer von Jasmin für Bilingualität – das parallele Erlernen von Gebärdensprache und Lautsprache, immer orientiert an den individuellen Möglichkeiten und Wünschen des Kindes.

Unter grossem Applaus werden die beiden verdankt, und auch sie werden noch umringt von Eltern.

Puh, das war ein intensiver Tag: So viele Informationen und Eindrücke. Wir haben von verschiedenen Eltern viel Positives gehört über den Tag, allem voran viel Dankbarkeit und Wertschätzung für die Offenheit und Professionalität der Referent*innen.

Eines hat dieser Tag deutlich gezeigt: Das Familien-Wochenende hat Familien neue Perspektiven eröffnet – und ihnen Mut und Zuversicht gegeben.

Das Familien-Wochenende im Video


Gebärdensprache

Eigenständig: Sie hat eine eigene Grammatik und andere Satzstruktur als die gesprochene Sprache.

Visuell-räumlich: Sie besteht aus Handform, Handbewegung, Mimik, Körperhaltung und Mundbild.

Kulturell verschieden: Wie bei der Lautsprache gibt es auch hier unzählige länderspezifische Varianten (z. B. die Deutschschweizer Gebärdensprache). Selbst die Handformen können sich von Land zu Land unterscheiden (z. B. gibt es im europäischen Raum keine Gebärden mit ausgestrecktem Mittelfinger («Stinkefinger»), im asiatischen Raum dagegen schon (dort ist der Stinkefinger als Beleidigungs-Geste nicht bekannt).

Ergänzte Lautsprache (ELS)

Lautsprache mit Unterstützung: Im Gegensatz zur Gebärdensprache wird bei ELS immer gesprochen. Die Kommunikation orientiert sich exakt an der Grammatik und dem Satzbau der Lautsprache.

Handzeichen: Synchron zum Sprechen werden Handformen in Gesichtsnähe gezeigt (z. B. um ähnlich aussehende Konsonanten wie «b» und «p» zu unterscheiden) und an verschiedenen Positionen gehalten (für Vokale).

Fazit: Der Hauptunterschied besteht darin, dass Gebärdensprache eine eigenständige, vollwertige Sprache ist, während die Ergänzte Lautsprache (ELS) auf der Lautsprache basiert und lediglich mit visuelle Hilfen das Lippenlesen unterstützt.

Gehörlose und hörbehinderte Kinder und ihre Familien brauchen spezielle Unterstützung, damit das Kind seinen eigenen Weg in einer hörenden Welt gehen kann

Herzlichen Dank für Ihre Spende!

Publiziert am 2. September 2026