«Wo Leben und Freiheit sich verweben» – im Interview mit der gehörlosen Autorin Noelia Pérez
Noelia Pérez ist 27 Jahre alt, im Kanton Zürich aufgewachsen und gehörlos. Mit «Wo Leben und Freiheit sich verweben» hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht – ein Werk, das tief in Themen wie Identität, Mut, Selbstbestimmung und das Leben zwischen zwei Welten eintaucht.
Noelia, gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: „Ich will schreiben?“
Eigentlich nie. Schreiben war für mich schon als Kind ein Ort, um Gedanken zu sortieren – zuerst Tagebücher und Gedichte, später Kurzgeschichten. Aus einer dieser Geschichten entstand der Roman, ohne dass ich ihn veröffentlichen wollte. Erst Jahre später wurde mir bewusst, wie wichtig die Themen darin für andere sein könnten – besonders für Menschen, die wie ich ihren Platz zwischen der gehörlosen und der hörenden Welt suchen.
Wie war es, dein fertiges Buch zum ersten Mal in den Händen zu halten?
Überwältigend. Ich habe die Arbeit unterschätzt, die hinter einem Buch steckt – Lektorat, Korrektorat, Titelsuche, Covergestaltung, Kommunikation mit dem Verlag. Als alles abgeschlossen war, fiel eine riesige Anspannung ab. Und ja, ein paar Freudentränen gab es auch.
Wie hast du den Zugang zu Sprache erlebt?
Mit auditiv-verbaler Therapie und Cochlea-Implantaten habe ich schon früh sprechen gelernt. Lesen und schreiben waren von Anfang an ein wichtiger Teil meines Lebens.
Was bedeutet Sprache für dich als gehörlose Autorin?
Sprache ist für mich Brücke und Barriere zugleich. Als gehörlose Person bewege ich mich zwischen zwei Welten, und nicht immer werde ich sofort verstanden. Mit meinem Buch möchte ich Brücken stärken – zwischen Hörenden und Gehörlosen.
Hilft dir Schreiben, dich selbst zu verstehen?
Sehr. Schriftlich finde ich leichter die richtigen Worte – vor allem bei tiefen Emotionen. Schreiben ordnet meine Gedanken und schafft Klarheit.
Gab es Zweifel?
Immer wieder. Aber ich bin jemand, der in Bewegung bleibt. Wenn etwas nicht weitergeht, suche ich einen neuen Weg. Meine Träume und Visionen treiben mich dabei an.
Wie entstand die Figur Solea?
Gegen Ende meiner Schulzeit wurde mir sehr bewusst, wo mich meine Behinderung begrenzt. Das führte zu Selbstzweifeln und grosser Unsicherheit. In dieser Phase entstand Solea – eine Figur, der ich meine Fragen und Ängste mitgegeben habe. Sie ist mit mir gewachsen und ich auch mit ihr.
Wie viel Noelia steckt in ihr?
Gerade am Anfang sehr viel. Doch im Schreibprozess wurde Solea zu einer eigenständigen Persönlichkeit. Wie viel genau von mir in ihr steckt, bleibt mein Geheimnis.
Was bedeutet Freiheit für dich?
Freiheit ist für mich Unabhängigkeit – finanziell, emotional und darin, dem zu folgen, was mein Herz mir sagt. Gleichzeitig braucht Freiheit eine Balance zwischen Erwartungen von aussen und den eigenen Bedürfnissen. Genau diese Suche zieht sich auch durch Soleas Geschichte.
Gibt es eine Szene, die dir besonders nahegeht?
Ja. Soleas Gespräch mit ihrer Grossmutter. Ich habe meine eigene Grossmutter mit dreizehn verloren, und sie hat uns durch ihre Texte viel hinterlassen. Diese Szene ist so, wie ich mir ein Gespräch mit ihr gewünscht hätte.
Wen möchtest du mit deinem Buch erreichen?
Menschen, die vor wichtigen Entscheidungen stehen, junge Menschen in der Berufsfindung, Gehörlose auf Identitätssuche, Eltern gehörloser Kinder, alle, die Gehörlosigkeit besser verstehen wollen – und alle, die sich für Persönlichkeitsentwicklung, Pferde oder interkulturelle Themen interessieren.
Wie findest du Zeit zum Schreiben?
Der Grossteil des Romans entstand vor meinem Studium. Heute schreibe ich vor allem in den Ferien oder am Wochenende – und nach dem Studium hoffentlich wieder mehr.
Hast du Schreibrituale?
Eigentlich nicht. Ich schreibe überall: zuhause, im Café, im Zug – manchmal sogar auf Servietten. Wenn eine Idee kommt, muss sie raus.
Gibt dir die Natur Kraft?
Ja. Sie hilft mir, Gedanken zu ordnen – und danach auch wirklich abzuschalten.
Was hast du auf deinem Weg gelernt?
Dass das Bauchgefühl ein zuverlässiger Kompass ist. Und dass ich meine Grenzen kennen und kommunizieren darf – besonders im Spannungsfeld zwischen der gehörlosen und der hörenden Welt.
Woran arbeitest du als Nächstes?
Ich schreibe an einem zweiten Buch. Dieses Mal geht es mit einer ebenfalls gehörlosen Protagonistin nach Italien – um Abschiede, Veränderungen und Neuanfänge.
Was gibst du jungen Menschen mit Hörbehinderung mit?
Träume nicht nur – tu es. Nutze deine Träume als Kraft:
„Meine Träume von gestern sind meine Ziele von morgen. Und sie tragen mich dahin, wo Leben und Freiheit sich verweben.“
Ein Wort für dein Buch?
ChatGPT sagte „Selbstfindung“.
Ich sage: animate! – Trau dich!

Noelia Pérez: „Wo Leben und Freiheit sich verweben“
Novum Verlag | ISBN 978-3-99130-518-7
Publiziert am 25. November 2025