Inklusion im Job: eine Bereicherung für alle
Seit sechs Jahren arbeitet Vanessa Buser (21) in einem grossen Oltner Seminarhotel. Mit Leidenschaft, Kreativität und grossem Einsatz hat sie ihre Lehre als Fachfrau Hotellerie / Hauswirtschaft EFZ erfolgreich abgeschlossen. Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass es dabei manchmal sogar von Vorteil ist, nichts zu hören…
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Liebe Vanessa, wie bist du zu deinem Beruf gekommen?
Wir hatten in der Sekundarschule ein Buch mit Ausbildungsberufen von A bis Z. Angesprochen haben mich «Fachfrau Hotellerie» und «Fachfrau Hauswirtschaft» – damals waren das noch zwei verschiedene Berufe. Ich habe in beiden geschnuppert, Bewerbungen verschickt und dann die Lehrstelle bei meinem jetzigen Arbeitgeber,
dem Kongress- und Seminarhotel Hotel Olten, erhalten.
Welche Stationen hast du in der Lehre durchlaufen?
Alle. Erst Zimmerreinigung, dann Wäscherei, Küche, Service, Rezeption und auch Haustechnik. Heute arbeite ich am liebsten im Service. Aktiv sein und der Kontakt mit den Gästen machen mich glücklich.

Gab es aufgrund deiner Gehörlosigkeit während der Lehre Hürden?
Ja, definitiv. Schwierig war es in der Küche. Denn dort ist es hektisch, viele Menschen kommunizieren gleichzeitig. Und das Telefonieren an der Rezeption war für mich natürlich nicht möglich.
Aktiv sein und der Kontakt mit den Gästen machen mich glücklich.
Vanessa Buser
Fachfrau Hotellerie / Hauswirtschaft EFZ
Wie kommunizierst du mit Gästen?
Ich trage ein Namensschild mit einem Symbol, das auf meine Gehörlosigkeit hinweist. Die meisten Gäste passen sich an: Sie sprechen langsam und ich versuche, ihre Lippen abzulesen. Wir nutzen Gestik und Mimik zur Kommunikation sowie Block und Stift zur Kommunikation. Ich trage immer mehrere Stifte bei mir.
Ist deine Gehörlosigkeit manchmal auch eine Stärke?
Ja! Ich erkenne oft schneller als andere, was Gäste brauchen. Etwa einen Lappen, wenn ein Glas umgestossen wurde. Das sehe ich von Weitem, aufgrund der Körpersprache. Und im Service kann ich sehr fokussiert arbeiten, da ich nicht von Geräuschen abgelenkt werde.
Wie barrierefrei war dein Ausbildungsbetrieb?
Für mich wurden ein paar Anpassungen gemacht: Ich durfte – was sonst für die Lernenden streng verboten ist – mein Handy für die Teamkommunikation nutzen. Und an der Rezeption gab es ein Tablet für mich und die Gäste, das Sprache in Text umwandelte und umgekehrt.
Ich bin bisher die erste und einzige gehörlose Hotelfachperson EFZ.
Vanessa Buser
Fachfrau Hotellerie / Hauswirtschaft EFZ
Würdest du gehörlosen Jugendlichen den Beruf empfehlen?
Ja! Unter der Bedingung, dass sie offen und kommunikativ sind. Im Hotelgewerbe hast du keine Wahl – du musst mit Hörenden interagieren. Man muss Lippenlesen können und flexibel sein. Denn der Beruf ist abwechslungsreich, und deshalb auch fordernd. Eine gewisse Stressresistenz ist wichtig.
Gibt es andere gehörlose Menschen im Hotelgewerbe?
Ich bin bisher die Erste und gehörlose Hotelfachperson EFZ.
Gratulation! Wie reagieren Gäste auf deine Gehörlosigkeit?
Die meisten sind kooperativ. Sie wollen ja etwas von mir. Gemeinsam finden wir Wege, um uns zu verständigen. Nur ganz selten gibt es Ablehnung.

Erinnerst du dich an ein besonders schönes Erlebnis?
Ja, der Schmutzige Donnerstag an unserer Hotel-Fasnachtsfeier 2025. Viele Kollegen arbeiten nicht gern an diesem Tag – denn es ist extrem stressig und es wird viel Kommunikation verlangt. Die Gäste sind in Feierlaune, alles ist laut, und es geht oft
hektisch zu. Als es letztes Jahr Personalmangel gab, habe ich mich freiwillig gemeldet. Am Ende waren die Gäste und das Team super zufrieden. Alle sagten: Vanessa, du musst das jedes Jahr machen! Ich bin stolz, dass aus dieser anfänglichen «Notlösung» eine Lösung wurde.
Vielen Dank für Ihre wertvolle Unterstützung!
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Vanessa Buser im Video
Hintergrund: «Wir würden jederzeit wieder eine gehörlose Person einstellen!»
Die Entscheidung, Vanessa einzustellen, wurde im Kader besprochen und einstimmig beschlossen. Für die aktuelle Ausgabe des «ganzOhr» haben wir neben Vanessa auch mit Darko Bošnjak, Direktor des Hotel Olten, gesprochen. Wir haben ihn gefragt, wie er die Zusammenarbeit mit einer gehörlosen Person erlebt und wie es zur Anstellung von Vanessa gekommen ist.
Darko Bošnjak erinnert sich positiv an Vanessas Anstellungsprozess. Bereits beim ersten Gespräch überzeugte sie durch ihre Motivation und Professionalität. Für das Hotel standen ihre Fähigkeiten und Persönlichkeit von Anfang an im Vordergrund – die Gehörlosigkeit war kein Hindernis, sondern eine Eigenschaft, die es zu berücksichtigen galt. «Wir sehen Vielfalt grundsätzlich als Bereicherung für unser Team», erklärt der Direktor.
Anfangs gab es zwar Unsicherheiten bezüglich der Kommunikation im Alltag und in stressigen Situationen, doch das Team war bereit, flexibel Lösungen zu finden. Die Anstellungsentscheidung wurde nicht allein von der Direktion getroffen, sondern gemeinsam im Kader beschlossen und getragen. Vanessas Einarbeitung verlief reibungslos: Sie integrierte sich schnell und zeigte viel Eigeninitiative.
Die Kadermitarbeitenden absolvierten gemeinsam einen Gebärdensprachkurs bei Frédéric Bernath, einem ehemaligen Mitarbeiter des Schweizerischen Gehörlosenbunds, um ein besseres gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Das Hotel arbeitete mit schriftlichen Anweisungen, visuellen Hilfsmitteln und einfachen Gebärden – eine praktische Kombination, die sich bewährte und sicherstellte, dass alle wichtigen Informationen verständlich vermittelt wurden. Anfängliche Bedenken unter den Mitarbeitenden, ob die Kommunikation funktionieren würden, lösten sich schnell in Luft auf.
«Besonders gefreut hat mich, dass sich das Team schnell anpasste und lernte, klarer zu kommunizieren und Blickkontakt zu halten. Die Reaktionen auf Vanessa waren offen und positiv» erklärt Darko Bošnjak.
Seine Botschaft: Menschen mit Beeinträchtigungen haben ein riesiges Potenzial. Wenn man ihnen die Chance gibt, profitieren alle davon.

Durch Vanessa hat sich unsere gesamte Team-Kultur verbessert! Menschen mit Beeinträchtigungen haben ein grosses Potenzial. Wenn man ihnen die Chance gibt, profitieren alle davon – sowohl menschlich als auch beruflich.»
Darko Bošnjak
Direktion, Hotel Olten
Publiziert am 15. Juni 2026