{"id":49002,"date":"2026-10-14T08:25:39","date_gmt":"2026-10-14T06:25:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sgb-fss.ch\/?p=49002"},"modified":"2026-10-14T08:26:40","modified_gmt":"2026-10-14T06:26:40","slug":"gerhard-pfister-anerkennung-ist-erst-der-anfang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sgb-fss.ch\/de\/aktuell\/gerhard-pfister-anerkennung-ist-erst-der-anfang\/","title":{"rendered":"Gerhard Pfister: \u00abAnerkennung ist erst der Anfang\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\">Was bedeutet die rechtliche Anerkennung der Geb\u00e4rdensprachen \u2013 und was muss daraus im Alltag folgen? Gerhard Pfister widmet sich diesen Fragen in seiner Republik-Kolumne vom 6. Oktober 2026. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion ver\u00f6ffentlichen wir den Beitrag hier in voller L\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geb\u00e4rdensprachen geh\u00f6ren zur sprachlichen und kulturellen Vielfalt der Schweiz. Ihre rechtliche Anerkennung w\u00e4re ein bedeutender Schritt. Doch entscheidend ist auch, was sie konkret bewirkt: beim fr\u00fchen Zugang zu Sprache, in der Bildung, im Gesundheitswesen, am Arbeitsplatz und bei der politischen Teilhabe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerhard Pfister beleuchtet in seiner Kolumne die politische Debatte und erkl\u00e4rt, weshalb die Anerkennung den Anfang weiterer Ver\u00e4nderungen bilden muss. Damit m\u00f6glichst viele Menschen diesen f\u00fcr die Geh\u00f6rlosengemeinschaft wichtigen Beitrag lesen k\u00f6nnen, hat uns die Republik-Redaktion die vollst\u00e4ndige Wiederver\u00f6ffentlichung eine Woche nach dem Erscheinen erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-lead wp-block-paragraph\"><strong>Anerkennung ist erst der Anfang<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default wp-block-paragraph\"><strong>Die Schweiz hat die Geb\u00e4rdensprachen lange als Frage der Behinderung<br>behandelt statt als Teil ihrer sprachlichen Vielfalt. Ein eigenes Gesetz k\u00f6nnte<br>das \u00e4ndern \u2013 wenn die Anerkennung nicht bloss auf dem Papier bleibt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Von Gerhard Pfister<\/em>, 6. Oktober 2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default wp-block-paragraph\">Im Bundeshaus stehen in der Kuppelhalle vor den monumentalen drei Eidgenossen vier lebensgrosse Statuen von Landsknechten in Uniformen aus dem 16. Jahrhundert. Sie verk\u00f6rpern die vier Landessprachen. Vielleicht gibt es bald eine f\u00fcnfte: die Geb\u00e4rdensprache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Herbstsession, die Ende letzter Woche zu Ende ging, hat der Nationalrat einen Schritt zur rechtlichen Anerkennung der Geb\u00e4rdensprache gemacht: Er hat einer parlamentarischen Initiative zugestimmt, die vorsieht, ein Geb\u00e4rdensprachen-Rahmengesetz zu schaffen. Es war ein Gesch\u00e4ft unter vielen in dieser Session, aber ein grosser Schritt f\u00fcr die Menschen, die es betrifft. Und eine Anerkennung, die geh\u00f6rlose Menschen in der Schweiz mehr als verdient haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schweiz versteht sich als mehrsprachiges Land. Dass sie mit Deutsch, Franz\u00f6sisch, Italienisch und R\u00e4toromanisch vier offizielle Landessprachen hat, pr\u00e4gt ihr politisches Selbstverst\u00e4ndnis. Weniger sichtbar ist, dass zu dieser sprachlichen Vielfalt auch die Geb\u00e4rdensprachen geh\u00f6ren. Bei diesen handelt es sich nicht, wie manche vermuten m\u00f6gen, um visuell dargestellte Varianten der gesprochenen Sprachen, sondern um eigenst\u00e4ndige Sprachen mit eigener Grammatik, eigenem Wortschatz und regionalen Variet\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einigen Jahren kam ich erstmals mit Menschen in Kontakt, die in Geb\u00e4rdensprache kommunizieren. Und bin \u2013 so viel zu meiner Interessensbindung \u2013 Co-Pr\u00e4sident einer parlamentarischen Gruppe, die sich im Bundeshaus f\u00fcr die Anliegen geh\u00f6rloser Menschen und die Anerkennung der Geb\u00e4rdensprachen einsetzt. (Damit niemand nachfragen muss: Das Mandat wird nicht entsch\u00e4digt.) Viele geh\u00f6rlose Menschen leben mehrsprachig. Sie kommunizieren in ihrer Geb\u00e4rdensprache und verwenden im Alltag zus\u00e4tzlich eine oder mehrere Schrift- oder Lautsprachen. Diese Lebensrealit\u00e4t erweitert den \u00fcblichen Begriff von Mehrsprachigkeit: Sprache wird nicht nur geh\u00f6rt, gesprochen und gelesen. Sie wird auch gesehen und geb\u00e4rdet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem wurden Geb\u00e4rdensprachen in der Schweiz lange vor allem unter dem Gesichtspunkt der Behinderung behandelt, nicht als eigenst\u00e4ndige Sprache und kulturelle Praxis. Doch diese Sicht greift zu kurz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geb\u00e4rdensprachen erm\u00f6glichen Kommunikation, transportieren Wissen und Kultur und stiften Zugeh\u00f6rigkeit. Sie sind zugleich Minderheitensprachen und f\u00fcr viele geh\u00f6rlose Menschen eine Voraussetzung daf\u00fcr, ihre Rechte wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Sprachenpolitik und Behindertengleichstellung steht die gegenw\u00e4rtige Debatte im Parlament um ihre rechtliche Anerkennung. Geh\u00f6rlose Menschen allein \u00fcber eine Behinderung zu definieren, verkennt ihre Sprache und Kultur. Zugleich darf ihre Anerkennung als sprachliche Minderheit nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die Gesellschaft weiterhin Barrieren abbauen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die heutige Diskussion l\u00e4sst sich nicht von der Geschichte der Geh\u00f6rlosenbildung trennen. Nach dem Mail\u00e4nder Kongress von 1880 wurde die Geb\u00e4rdensprache in vielen Schulen w\u00e4hrend Jahrzehnten aus dem Unterricht verdr\u00e4ngt. Die sogenannte orale Methode konzentrierte sich auf Sprechen und Lippenlesen. Geh\u00f6rlose Kinder sollten sich der h\u00f6renden Mehrheitsgesellschaft anpassen; ihre visuelle Sprache und ihre Kommunikation wurden abgewertet oder verboten. Die Folgen dieser Politik wirken bis heute in Bildungsbiografien, Familien und Institutionen nach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Perspektivenwechsel begann schrittweise. Sprachwissenschaftliche Forschung belegte, dass Geb\u00e4rdensprachen vollwertige Sprachen sind. Im Zentrum steht seither nicht allein die Beseitigung einzelner Kommunikationsbarrieren, sondern das Recht, die eigene Sprache zu erwerben, zu verwenden und weiterzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf Bundesebene fehlt bislang eine ausdr\u00fcckliche rechtliche Anerkennung der drei schweizerischen Geb\u00e4rdensprachen. 2019 beauftragte das Parlament den Bundesrat, zu pr\u00fcfen, inwiefern eine rechtliche Anerkennung m\u00f6glich ist. Der Bericht des Bundesrates best\u00e4tigte dann zwar das Bed\u00fcrfnis geh\u00f6rloser Menschen nach Anerkennung, Schutz und gesellschaftlicher Wertsch\u00e4tzung ihrer Sprache. Trotzdem hielt er auch fest, eine ausdr\u00fcckliche Anerkennung sei keine zwingende Voraussetzung, um die Teilhabe zu verbessern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Unterscheidung pr\u00e4gt die politische Debatte bis heute: Geht es um eine Behinderung oder eine Sprache? Der Bundesrat fand Ersteres. Er legte 2024 eine Anpassung des Behindertengleichstellungsgesetzes vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Parlament musste korrigieren. Auf Initiative von Nationalr\u00e4tin Regina Durrer-Knobel reichte die Kommission f\u00fcr Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrats eine parlamentarische Initiative ein, die vorsieht, ein Geb\u00e4rdensprachengesetz zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kommission argumentierte, dass der Vorschlag des Bundesrates weder der sprachlichen und kulturellen Identit\u00e4t der Geh\u00f6rlosengemeinschaft noch den Anliegen des Parlaments gerecht werde, Geh\u00f6rlosigkeit nicht ausschliesslich als Frage der Behinderung zu behandeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun hat auch der Nationalrat diesen Weg best\u00e4tigt, indem er der Initiative mit 102 zu 88 Stimmen zustimmte. Jetzt ist die Kommission f\u00fcr Wissenschaft, Bildung und Kultur des St\u00e4nderates an der Reihe. Erst wenn auch sie zustimmt, kann ein entsprechender Gesetzesentwurf formuliert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ausdr\u00fcckliche Anerkennung w\u00e4re ein historischer Schritt. Sie w\u00fcrde festhalten, dass die schweizerischen Geb\u00e4rdensprachen Teil der sprachlichen Wirklichkeit und des kulturellen Erbes der Schweiz sind. F\u00fcr eine Gemeinschaft, deren Sprache \u00fcber lange Zeit unterdr\u00fcckt wurde, hat eine solche Aussage einen eigenst\u00e4ndigen Wert. Sie kann Vorurteile abbauen, die Sichtbarkeit erh\u00f6hen und Institutionen dazu bewegen, Geb\u00e4rdensprache nicht erst dann mitzudenken, wenn eine einzelne Person Unterst\u00fctzung verlangt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anerkennung darf dabei weder Endpunkt noch rein symbolischer Akt sein. Sie kann einen neuen Massstab setzen als selbstverst\u00e4ndlicher Bestandteil einer mehrsprachigen Schweiz. Daf\u00fcr m\u00fcssen Bund und Kantone ihre Zust\u00e4ndigkeiten kl\u00e4ren und Anerkennung in konkrete, \u00fcberpr\u00fcfbare Massnahmen \u00fcbersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Erfolg wird sich nicht allein am Wortlaut eines Gesetzes messen lassen. Er zeigt sich daran, ob ein geh\u00f6rloses Kind fr\u00fch und verl\u00e4sslich Zugang zu Sprache erh\u00e4lt; ob Eltern kompetent beraten werden; ob Patientinnen medizinische Entscheidungen verstehen; ob Arbeitnehmer an Sitzungen und Weiterbildungen teilnehmen k\u00f6nnen; und ob B\u00fcrgerinnen politische Informationen in ihrer Sprache erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default wp-block-paragraph\">Die Schweiz hat die Chance, ihr Verst\u00e4ndnis von Mehrsprachigkeit zu erweitern. Geb\u00e4rdensprachen geh\u00f6ren nicht an den Rand der Schweiz, sondern zu ihrem Selbstverst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"is-style-default wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Gerhard Pfister, \u00abAnerkennung ist erst der Anfang\u00bb, <\/em><a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/2026\/10\/06\/anerkennung-ist-erst-der-anfang\"><em>Republik, 6. Oktober 2026<\/em><\/a><em>. Wiederver\u00f6ffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Republik und Gerhard Pfister <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet die rechtliche Anerkennung der Geb\u00e4rdensprachen \u2013 und was muss daraus im Alltag [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":83,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"topic":[],"class_list":["post-49002","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-news"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gerhard Pfister: \u00abAnerkennung ist erst der Anfang\u00bb - SGB-FSS<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.sgb-fss.ch\/de\/aktuell\/gerhard-pfister-anerkennung-ist-erst-der-anfang\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gerhard Pfister: \u00abAnerkennung ist erst der Anfang\u00bb - 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